Pirmasens – Damals und Heute

Frühe Entwicklung und Garnisonsstadt (bis 18. Jahrhundert)

  • Erste urkundliche Erwähnung als „Pirminiseusna“ (um 860), benannt nach dem Heiligen Pirminius und dem Kloster Hornbach .

  • Im 18. Jh. machte Landgraf Ludwig IX. aus dem kleinen Ort eine Residenz- und Soldatenstadt. Er förderte den Bau von Stadtmauer, Schloss, Exerzierplatz und errichtete die zweitgrößte Exerzierhalle Europas .

  • Nach seinem Tod (1790) wurde die Garnison aufgelöst, und die Stadt stand vor wirtschaftlichen Herausforderungen .

Aufstieg zur Schuhmetropole (19. & 20. Jahrhundert)

  • Die entlassenen Soldaten fertigten aus Uniformresten einfache Schuhe, sogenannte „Schlabbe“. Diese Tradition entwickelte sich zur Basis einer florierenden Schuhindustrie .

  • Pirmasens wuchs im 19. Jh. zur deutschen Schuhmetropole heran. 1914 gab es rund 240 Schuhfabriken mit 14 000 Beschäftigten, später im Jahr 1970 etwa 22 000 .

  • Bedeutende Firmen wie Rheinberger (größte deutsche Schuhfabrik mit bis zu 2 500 Beschäftigten) und Peter Kaiser prägten die Stadt .

Zweiter Weltkrieg und Neuaufbau

  • Die Innenstadt wurde zu etwa zwei Dritteln zerstört. Schon kurz nach Kriegsende gab es Messen und Industrieleistungen zur Stärkung der lokalen Wirtschaft .

  • Ab den 1960er Jahren war Pirmasens mit rund 160 Schuhfabriken und ebenso vielen Zulieferbetrieben wieder auf Erfolgskurs .

Strukturwandel und heutige Lage

  • Ab den 1970er Jahren begann der wirtschaftliche Abschwung durch die Konkurrenz aus Niedriglohnländern. Viele Produktionsstätten verlagerten sich ins Ausland .

  • Heute arbeiten nur noch ca. 1 200 Menschen in der Schuhproduktion, davon etwa 200 bei Peter Kaiser .

  • Viele ehemalige Fabrikgebäude wurden umgenutzt: Das ehemalige Rheinberger-Gelände beherbergt heute unter anderem das Dynamikum Science Center .

  • Die Stadt bleibt dennoch Zentrum für Schuhwissen: mit der Deutschen Schuhfachschule, einer Fachhochschule und dem Internationalen Schuhkompetenz-Centrum (ISC) .

Architektur, Kultur und Stadtleben heute

  • Das Alte Rathaus (spätbarocker Bau von 1771–74) steht heute als Museum für Stadt- und Heimatgeschichte, mit Ausstellungen zur Schuhtradition und Kunst (z. B. Scherenschnitte, Heinrich Bürkel) .

  • Pirmasens ist bekannt für seine rund 100 Treppen, die durch die siebenhügelige Topografie bedingt sind – besonders sehenswert sind die Schlosstreppe, die Münztreppe und die Felsentreppe/Vogeltreppe, die seit 2019 mit einem 70 m² großen Mosaik verziert ist (größtes Mosaik in Rheinland-Pfalz, mit 100 Künstlern aus 24 Ländern) .

  • Zwischen 1660 und heute zeigt eine Ausstellung im Stadtmuseum die Transformation der zentralen Hauptstraße – von einfachen Anfängen zur Fußgängerzone 1984 .

Gegenwart – Herausforderungen und Aufbruch

  • Die Einwohnerzahl ist von rund 60 000 (1939/1970) auf knapp 41 000 (2023) gesunken .

  • Pirmasens gilt als hoch verschuldet und steht vor sozialen Herausforderungen: steigender Zuzug von Asylbewerbern und Geflüchteten belastet Infrastruktur wie Schulen und Kindergärten .

  • In positiver Hinsicht zeigt der „Schlabbeflicker Song“ des OB Markus Zwick mit Rapper Mac Dam, dass Stadtidentität und Zusammenhalt kreativ gefeiert werden – als Aufruf zum Optimismus und Engagement im Wandel .


Stadtchronik der Pirmasens -Von den Anfängen bis zur Gegenwart


Bis 1700 – Ländliche Siedlung am Rand des Wasgaus

Die erste urkundliche Erwähnung von Pirmasens datiert etwa auf das Jahr 860. Über viele Jahrhunderte blieb der Ort eine kleine, landwirtschaftlich geprägte Siedlung im waldreichen Grenzgebiet des Wasgaus. Die Bevölkerung lebte überwiegend von Ackerbau, Viehzucht und einfacher Handwerksarbeit.

Aufgrund seiner abgelegenen Lage entwickelte sich Pirmasens zunächst kaum weiter und hatte keine überregionale Bedeutung.


1700–1790 – Die Landgrafenzeit und die Stadtwerdung

Der entscheidende Wendepunkt in der Stadtgeschichte begann in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Ansiedlung des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt.

Ab 1763 machte Ludwig IX. Pirmasens zu seiner Residenz- und Garnisonsstadt. In kurzer Zeit entstanden:

  • Kasernen und Exerzierplätze

  • Verwaltungs- und Wohnbauten

  • ein rechtwinklig geplantes Straßennetz

Pirmasens entwickelte sich erstmals von einem Dorf zu einer geplanten Stadt. Militär und Hofstaat zogen Handwerker, Händler und Dienstleister an. Die Bevölkerung wuchs rasch, und die urbane Struktur legte den Grundstein für spätere Expansion.


1790–1850 – Übergang zur bürgerlichen Stadt

Nach dem Ende der Landgrafenzeit verlor Pirmasens seine Residenzfunktion, blieb jedoch Garnisonsstandort. Die militärische Prägung wich zunehmend einer bürgerlichen Entwicklung.

Im frühen 19. Jahrhundert entstanden erste gewerbliche Strukturen, vor allem im Bereich der Schuhherstellung, zunächst noch handwerklich organisiert. Die Stadt begann, sich wirtschaftlich neu zu orientieren.


1850–1914 – Industrialisierung und Aufstieg der Schuhstadt

Mit der Industrialisierung setzte ein beispielloser Aufschwung ein. Aus kleinen Werkstätten wurden Fabriken, aus Heimarbeit industrielle Produktion.

Um die Jahrhundertwende entwickelte sich Pirmasens zu einem der bedeutendsten Zentren der Schuhindustrie in Europa:

  • Hunderte Betriebe

  • Zehntausende Arbeitsplätze

  • Starker Bevölkerungszuwachs

  • Ausbau von Wohnvierteln und Infrastruktur

Die Stadt wuchs schnell und verdichtete sich – oft ohne übergeordnete städtebauliche Planung.


1914–1945 – Kriegsjahre und Zerstörung

Die beiden Weltkriege unterbrachen die wirtschaftliche Entwicklung massiv. Besonders der Zweite Weltkrieg traf Pirmasens schwer:

  • Mehrere alliierte Bombenangriffe

  • Zerstörung großer Teile der Innenstadt

  • Verlust historischer Bausubstanz

Am Ende des Krieges lag ein erheblicher Teil der Stadt in Trümmern.

1945–1960 – Wiederaufbau und Nachkriegsmoderne

Nach 1945 begann ein schneller, funktionaler Wiederaufbau. Vorrang hatten:

  • Wohnraumschaffung

  • Wiederherstellung der Infrastruktur

  • Anpassung an moderne Verkehrsbedürfnisse

Der Wiederaufbau orientierte sich an den Leitbildern der Nachkriegsmoderne:

  • Sachliche Architektur

  • Breite Straßen

  • Kaum Rekonstruktion historischer Gebäude

Diese Phase prägt das Stadtbild bis heute nachhaltig.


1950–1970 – Wirtschaftliche Blüte und amerikanische Präsenz

Parallel zum Wiederaufbau erlebte die Schuhindustrie nochmals eine Hochphase. Pirmasens erreichte seinen höchsten Bevölkerungsstand.

Zugleich wurde die Stadt Standort der US-Armee:

  • Kasernen auf der Husterhöhe

  • Arbeitsplätze und wirtschaftliche Impulse

  • Kulturelle Prägung des Alltags

Die amerikanische Präsenz wurde zu einem festen Bestandteil des Stadtlebens.


1970–1990 – Strukturbruch und Niedergang der Schuhindustrie

Ab den 1970er-Jahren setzte der rapide Niedergang der Schuhindustrie ein:

  • Produktionsverlagerung ins Ausland

  • Fabrikschließungen

  • Arbeitslosigkeit und Abwanderung

Pirmasens verlor seine wirtschaftliche Grundlage und viele Einwohner. Der Strukturbruch prägte die Stadt tief.


1990–2010 – Konversion und Neuorientierung

Mit dem Abzug der US-Armee in den 1990er-Jahren entstanden große Konversionsflächen. Die Stadt begann:

  • ehemalige Militär- und Industrieareale umzunutzen

  • neue Wohn- und Gewerbegebiete zu entwickeln

  • sich wirtschaftlich breiter aufzustellen

Der Fokus verlagerte sich von Wachstum zu Stabilisierung.


Seit 2010 – Stadtentwicklung im Zeichen des Wandels

Heute steht Pirmasens für:

  • strukturellen Wandel

  • bewussten Umgang mit seiner Geschichte

  • Nachnutzung statt Expansion

  • Stärkung von Bildung, Kultur und Tourismus

Die Nähe zum Pfälzerwald, neue Nutzungskonzepte und eine reflektierte Stadtentwicklung prägen die Gegenwart.


Schlussbetrachtung

Die Geschichte von Pirmasens ist geprägt von klaren Zäsuren:

  • Stadtgründung durch absolutistische Planung

  • industrieller Aufstieg und Monostruktur

  • Kriegszerstörung und funktionaler Wiederaufbau

  • postindustrieller Wandel

Pirmasens ist damit ein eindrucksvolles Beispiel deutscher Stadtgeschichte – geformt durch Macht, Arbeit, Verlust und Erneuerung.